2009-10-17

Synthetische DNA für die Verbrecherjagd ➟ [UPDATE]

Also auch wenn ich die Welt nicht regulär lese, da aus dem Hause Axel Springer, steht dort heute ein interessanter Artikel. Interessant vor allem dann, wenn man sich mit der Materie ein wenig auskennt.

Es geht darum, Gegenstäde mit jeweils individuell synthetisierter DNA zu markieren. Was vor ein paar Jahren noch wegen der exorbitanten Kosten undenkbar gewesen wäre, ist heute dank DNA-Fließbandproduktion gangbar. Klingt im ersten Moment toll, wenn man diesen Satz liest: Gestohlene und markierte Gegenstände kann die Polizei entweder anhand der Mikroplättchen unter dem Mikroskop in wenigen Minuten oder aufwendiger mit einer Genanalyse identifizieren und den Besitzern zuordnen. Nur: Wozu soll so eine DNA-Markierung gut sein? Die meisten Gegenstäde sind ohnehin schon mit einer individuellen Seriennummer versehen. Oder zumindest einer Chargennummer.

Ganz einfach: DNA läst sich sehr einfach vervielfältigen, das Verfahren dazu nennt sich PCR. Der Prozess läuft exponentiell ab und so reicht schon ein einzelner DNA-Strang um ein eindeutiges Ergebnis zu erzielen. Das ist dann mit auch der Grund, weshalb wir, d.h. Datenschützer, die Leute vom CCC und die Piraten, so sehr gegen die Erfassung von DNA in Datenbanken Sturm laufen. Jeder hinterlässt die ganze Zeit über überall wo man entlanggeht eine deutlich nachweisbare DNA-Spur aus Hautschuppen, Schleimzellen usw.. Gleichzeitig nehmen wir bei unserem Weg durch den Alltag eine Menge DNA auf: Menschen in deren Nähe wir geraten, Gegenstände, die andere Menschen in der Hand hatten usw..

Nun erzeugt die allgegenwätige DNA ein signifikantes Hintergrundrauschen. Allerdings kann man die PCR selektiv nur für DNA ablaufen lassen, die eine bestimmten Markierungssequenz trägt. Tatsächlich funktioniert die PCR nur bei Anwesenheit solcher Primer genannten Sequenzen. Die Sache ist so gut verstanden, dass man da auch mit selbst ausgedachten Primern arbeiten kann.

Wenn es nur um die idetifizierbarkeit von Objekten ginge, wäre die Sache witzlos. Vielmehr geht es darum, an einem Verdächtigen einen DNA-Test vorzunehmen um im Rahmen dieses DNA-Tests die DNA eines gestohlenen Gegenstandes zu finden. Zum Nachweis bestimmter DNA-Sequenzen verwendet man heute sog. DNA-Chips, die funktionieren aber nur, wenn die Konzentration an gesuchter DNA hoch genug ist. Deshalb steht vor der Verwendung von DNA-Chips eine PCR.

Damit sind wir wieder beim Thema: Eine PCR geht nur in einem Labor. Und wenn man schon dabei ist, dann kann man auch gleich den genetischen Fingerabdruck des Verdächtigen mit ermitteln (wird man ohnehin machen müssen, da dies der dominante Anteil am Signal ist, welchen man zur Identifizierung der anderen DNA-Stränge maskieren will). Und ein genetischer Fingerabdruck, den man ohnehin zusammen mit Name und Adresse des Verdächtigen hat, macht sich in einer DNA-Datenbank immer noch am besten, schon aus prophylaktischen Grüden: Wer heute unschuldig ist, kann morgen immer noch zum Täter werden.

Da verwundert es dann auch nicht, am Ende des Artikels zu lesen:

Ziel des neuen Ansatzes sei weniger, Täter zu fassen, als Prävention, sagte Polizeichef Holger Münch. "Das Konzept funktioniert sehr, sehr gut, das wissen wir, und darum gehen wir offensiv damit um." Überall, wo die künstliche DNA eingesetzt werde, sollen Schilder zum Beispiel an Gebäuden darauf aufmerksam machen. Man weise potenzielle Täter also gezielt darauf hin. "Das ist der Kern der Abschreckungsstrategie", sagte Münch.

Auch sollen noch in diesem Jahr die ersten Tankstellen DNA-Duschen zum Beispiel in Türrahmen einbauen. Diese sollen per Knopfdruck oder automatisch bei einem Überfall ausgelöst werden und die Täter besprühen. Der Bremer Versuch fußt auf Vorbildern aus Großbritannien und den Niederlanden. Dort hat das Verfahren die Einbrüche in Wohnung und Autos deutlich zurückgedrängt.

UPDATE:

Die Süddeutsche hat auch einen Artikel dazu. (via Fefe).


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Wolfgang Draxinger

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